Die Kultur der Renaissance

Die Renaissance war ein Zeitalter der Auseinandersetzungen , ihre kultur- und kunstgeschichtliche Bedeutung wird heute nicht mehr verstanden. In dieser Epoche vollzog sich religionsgeschichtlich die konfessionelle Trennung und mit ihr die ganze Tragik der europäischen Geschichte. Das 16. Jahrhundert faßte die zwei großen Bewegungen zusammen.

Der aus der Antike stammende Gedanke des Humanismus führte zu einer freien Kultur des Geistes, er gab der irdischen Wirklichkeit einen neuen Sinn, eine Hinwendung auf das Wesen der Dinge. Die Reformation griff tief in das religiöse Leben ein und veränderte alle Lebensbereiche.

Der Geist der Duldsamkeit, der im Humanismus in Erscheinung trat, hatte nur wenige Menschen beeinflußt, er war noch nicht in die Völker eingedrungen. Die Zeit des Toleranzgedankens war für die Massen noch nicht gekommen.

Die Entwicklung der einzelnen Staaten, die in der Renaissance das Schicksal Europas bestimmten, drängte noch auf eine Verschärfung der religiösen Intoleranz hin. Die Verweltlichung der Länder und das Machtstreben ihrer Fürsten, führten zwangsläufig zur Entwicklung und Festigung eines Staatskirchentums. Das frühere Verhältnis zwischen Kirche und weltlicher Macht verkehrte sich ins Gegenteil, die Religion wurde in den Dienst der politischen Macht gestellt. Das war die einfachste Konsequenz der Idee von der Absolutheit der Fürstengewalt. Kirchengebiet und Staatsgebiet wurden zu einer einheitlichen Idee, die kirchliche und politische Macht vereinigte sich in dem Begriff einer christlichen Gesellschaft. Belebt und verstärkt wurde diese Entwicklung eigentlich erst durch die Vorgänge der kirchlichen Reformation, denn die Lehre Luthers drängte mit innerer Notwendigkeit zum Landeskirchentum.

Dieser Übergang trägt an sich schon den Keim der Intoleranz in sich, der in der Unduldsamkeit der neuen Glaubensgemeinschaft rasch zur Entwicklung gebracht wurde. Wo aber die Intoleranz ihre Wurzeln hatte, war der Gedanke des Humanismus für die Wirklichkeit des Lebens gleichgültig. Für mehr als zwei Jahrhunderte war die Politik der europäischen Länder darauf eingestellt, die anerkannte Staatskirche zur alleinherrschenden zu machen und demgemäß allen Häretizismus zu unterdrücken und die Häretiker, wenn nicht zu verbrennen, so doch zur Auswanderung zu zwingen.

Die große Unduldsamkeit dieses Zeitalters erklärt sich dadurch, daß mit dem Fanatismus der Glaubensgegensätze auch die politischen Interessen eine große dynamische Wirkung ausübten, die die langen und erbitterten Kämpfe herbeiführten, in die alle Völker verwickelt wurden. In den Religionskriegen der vergangenen Jahrhunderte standen sich auch immer politische Gegner gegenüber, und alle politischen Veränderungen dieser Zeit, trugen einen religiösen oder kirchlichen Charakter.

In dieser Epoche geschah es, dass die Türken in Europa vordrangen. Wer konnte unter den europäischen Verhältnissen daran denken, ihnen energischen Widerstand zu leisten? Alle bestehenden Mächte waren zu schwach um sich selbst zu verteidigen. Auch waren alle Versuche einer Vereinigung der griechischen und lateinischen Christenheit gescheitert, so konnten die Osmanen bis an die Grenzen Österreichs vordringen. Diese Ereignisse hatten aber auch eine positive Auswirkung für das Abendland. Nachdem Konstantinopel erobert war, kamen griechische Gelehrte nach Italien und brachten neue Lebenselemente in die abendländische Kultur. Man fing wieder an, sich mehr dem Studium der Alten zuzuwenden, weil die Kirche dogmatische Regeln ausübte. Dadurch bekamen die Gegner der scholastischen Lehre einen großen Impuls.

Es wurde um die Mitte des 15. Jahrhunderts die Buchdruckerkunst erfunden, welche der einseitigen Herrschaft über die Gelehrsamkeit – die bisher von geistlichen Verbindungen ausgeübt wurde – ein Ende bereitete.

Durch diese neuen Bestrebungen wurde der Geist des Humanismus erweckt, ähnliche zentralisierende Wirkung hatte auch zu dieser Zeit die Erfindung des Geschützes. Hierdurch wurde die Unabhängigkeit der Burgherren nach und nach gebrochen und dem Gedanken einer fürstlichen Staatsordnung Raum gegeben. Alle diese Wirkungen waren über die Grenzen der Renaissance hinaus von Bedeutung.

Die Zeitperiode der Renaissance ist deshalb von so großer Wichtigkeit, weil alle die Merkmale, welche die vorausgegangene Zeit beherrscht hatten, in Auflösung begriffen waren. Die Renaissance war die Reformation der Italiener. Sie befreite Wissenschaft und Kunst von den dogmatischen Fesseln und verhalf zu europäischer Macht. Durch den Gedanken des Humanismus kam es auf diese Weise zu einer kosmischen Bildung, in deren Prozeß wir noch heute stehen, deren Weiterentwicklung und Ziel wir nur erahnen können.

Die Wiederbelebung der Wissenschaft in Europa war der erste große Akt einer unermeßlichen moralischen Umbildung. Ihre markantesten Epochen sind die italienische Renaissance, die deutsche Reformation und die französische Revolution. Mit der großen Zeit des italienischen Humanismus beginnt der mühsame Weg zur modernen Menschlichkeit.

Wenn man abzuschätzen versucht, welche Rolle die Abkehr von der Religion bei der Entstehung der natürlichen Amoralität der Menschen spielte, muß man bedenken, daß neben der Minderheit der gebildeten Skeptiker, die große Masse des Volkes dem christlichen Glauben ergeben blieb. Aufklärung ist immer nur bei einem kleinen Teil möglich, Emanzipation ist Sache des einzelnen. Wenn auch die wenigen aufgeklärten Männer gegen falsche Reliquien und angebliche Wundertaten die Stimme der Vernunft erhoben und behaupteten, daß die Ablässe nichts anderes seien als bar bezahlte Wechsel auf die Zukunft; das Volk ließ sich den Glauben an sie nicht nehmen.

Da die Mächtigen ihr privates Handeln von dem Grundsatz bestimmen ließen, daß der Zweck die Mittel heilige, und für sich alle Privilegien mit Gewalt und Hinterlist beanspruchten, kann man annehmen,daß auch bei der Masse des ungebildeten Volkes die Religion als sittliche Richtschnur, ihre Macht teilweise eingebüßt hatte.

Ein Sittengesetz bedarf, um wirksam zu sein, des Glaubens an ein Weiterleben nach dem Tode oder an den göttlichen Ursprung der sittlichen Gebote. Die Zivilisation eines Volkes bedeutet die Vermenschlichung ihrer äußeren Einrichtungen mit Bezug auf ihre innere Gesinnung. Wissenschaft urid Kunst veredeln den gesellschaftlichen Zustand und damit entsteht die Kultur eines Staates. Sittliche Bildung ist etwas Innerliches, eine Sinnesart, die sich aus der Erkenntnis des geistigen und sittlichen Strebens als menschlicher Charakter ergibt. Der menschliche Geist ist in einer unerrneßlichen Fortentwicklung begriffen und gerade der Kampf der Gegensätze trägt dazu bei, diese Entwicklung zu fördern; so wie der Kampf zwischen der geistlichen und weltlichen Gewalt dazu beitrug, die europäische Christenheit zu entwickeln.