Die Technik der Freskomalerei

Das Fresko ist ein auf frischem Kalkmörtel ausgeführtes Wandgemälde. Es unterscheidet sich von anderen Bildern dadurch, daß es an die Architektur gebunden ist und es hat die Aufgabe, die Architektur durch die Farbe und den figuralen Schmuck in gemalter Form zu vervollständigen. Im Gegensatz zum Bild, braucht das Fresko keinen Rahmen, sein Rahmen ist die Architektur selbst, in die der Betrachter mit einbezogen wird. Bei der Malerei im nassen Kalkputz verdunstet das Wasser und der Kalk nimmt gleichzeitig, unter Bildung von Kalziumkarbonat, Kohlensäure aus der Luft auf. Es bildet sich auf der Oberfläche des Bildes ein glasiges marmorartiges Häutchen kristallinisch kohlensäuren Kalkes, das die Farben wasserunlöslich mit dem Grund verbindet und ihnen den eigentümlichen feinen Schimmer des echten Freskobildes verleiht.

In allen Zeiten waren Farbe und Malerei als integrierender Bestandteil des monumentalen Gesamtwerkes vorgesehen. In der Darstellung sind der religiöse und der ästhetisch-formale Gedanke eng miteinander verbunden. Da die Zentralperspektive es ermöglichte, jede Wand als Schnittfläche der optischen Pyramide zu betrachten, bot sie eine völlig neue Lösung für das grundlegende Problem des formalen Zusammenhangs der Malerei und der Architektur. Vom Inhalt der Darstellung, ob sakral oder profan, wird die Bedeutung des Raumes und seine Funktion sichtbar gemacht. Vom formalen Gesichtspunkt aus liegt die Besonderheit der Wandmalerei darin, daß sie in der Gliederung des bildhaften, des architektonischen oder skulpturalen Raumes bestimmend wirken muß. Der Raum vor und hinter einer Wand, die profane und die sakrale Welt, werden durch die perspektivistische Zentralisierung des Bildes in ein und demselben Raum vereinigt. In der Verbindung mit dem Raum entstehen formale Schwellen, die jeder einzelne Kunstzweig auf einer anderen Realitätsebene zu überwinden hat.

Von der Grundlage des räumlichen Symbolismus ausgehend, entwickelt jeder Künstler seine eigene Vorstellung. Die Kunst der Malerei ermöglicht es durch die Macht der Vorspiegelung, Bildhauerei und Architektur vorzutäuschen. Der Künstler kann in seinen Werken fiktive Grenzen schaffen oder durch eine optische Täuschung architektonische Gliederungen darstellen. Er kann auch eine räumliche Illusion hervorrufen, indem er bestimmte tektonische Elemente, wie die Gliederung einer Wand, direkt vortäuscht und diese  durch Imitation genremäßiger Darstellungen schmückt.  Berühmt waren die griechischen Imitationen von Marmorplatten, sie wurden in der römischen, und später in der byzantinischen Kunst weitergefuhrt.

Die Wandmalerei kennt zwei Arten der  Vorspiegelung, die materielle Imitation, die zum Bereich der Architektur gehört und die darstellende Imitation, die eine echte bildhafte Realität schaffen soll.

Der Übergang von einem zum anderen ist nicht immer deutlich erkennbar, daher ist die Malerei und die Oberflächengliederung der Architektur untrennbar miteinander verbunden. Da die Technik der griechisch-römischen Freskomalerei verlorengegangen war, wurde sie am Beginn der Renaissance von verschiedenen Künstlern erneuert. Durch das handwerkliche Können von Giotto und dem Florentiner Masaccio entstand wieder eine lebendige Tradition. Zuerst wurden die Bilder noch ohne das Hilfsmittel des Kartons auf die Wand gezeichnet, bei gleichzeitigem Verzicht auf die nachträgliche Überarbeitung. Was am Tage gemalt wurde, mußte auch gelungen sein, oder es mußte vernichtet und neu gemalt werden. Der Malgrund des Freskos ist eine lebendige Fläche, sie verändert ihren Zustand von Stunde zu Stunde. Ein und diesselbe Farbe nimmt je nach dem Zeitpunkt zu dem sie aufgetragen wird, eine andere Tönung an. Keine andere Technik läßt solche Abstufungen zu, sie entstehen weniger durch helldunkel Unterschiede, als vielmehr durch Wandlungen in dem kristallinischen Gefüge des Malgrundes.

Der Künstler wird in einen Naturprozeß eingeschaltet, der in raschem Ablauf den durch Brennen und Löschen zu Mörtelbrei aufgelösten Kalkstein wieder zu festem Kalkstein werden läßt. Diese "Versinterung" geht an der Oberfläche sehr schnell vor sich. Der Maler hat nur wenige Stunden Gelegenheit sich einzuschalten, seine Farben aufzutragen und zum Bild zu gestalten. Das genaue Ansetzen der einzelnen Tagewerke an die vorher bemalten Flächen und das Festigen des Grundes ist eine zeitraubende Arbeit. Bei der Eile mit der pausenlos Tag für Tag gearbeitet werden muß, läßt sich ein ganz ebenmäßiges Anpassen der Mörtelschicht nicht immer erreichen, vor allem nicht an den Rändern. Die Arbeiten mit den Eigenschaften der frischen Kalkmörtelschicht setzen große Erfahrungen voraus, die erst in vielen Jahren erworben werden können.

Giotto und seine Nachfolger hatten die Wandbilder noch in zwei Arbeitsgängen hergestellt. Zuerst nnalten sie das Bild in echter Freskotechnik, dann wurden alle Unzulänglichkeiten in der Farbe, an den Ansatzgrenzen, in den Gewändern und Architekturen auf trockenem Grund übermalt, dadurch bekamen die Bilder eine gleichmäßig glatte Oberfläche. Später bemerkten die Maler, daß die Übermalungen nicht unbedingt haltbar waren, die Farbe veränderte sich, blätterte ab oder löste sich auf während die in der Freskotechnik gemalten Stellen unverändert blieben, da die Kalkmörtelschicht sich der Zeit verhärtete und widerstandsfähiger wurde. Im frei gezeichneten Bild ist der Unterschied zwischen der Wirklichkeitsform der Natur größer als bei der Kartonfreske. Beim kartonlosen Wandbild wird die Form nicht vorgezeichnet, sondern muß beim Malen aus der Vorstellung heraus gefunden werden, dadurch wirken solche Fresken manchmal unnatürlich. Um eine genaue Konstruktion des Bildes auf die Wand zu bringen, erfand man das Hilfsmittel des Kartons. Die Kartonpausen gaben einen Anhalt durch den die Umrisse der Figuren festgelegt wurden. Bei einer Kartonfreske sitzt alles am rechten Fleck, so wie die Natur und das Kompositionsgesetz es vorschreiben.

Raffael hat fur das Wandbild die "Schule von Athen " eine enorme Zeichnung mit Kohle und Deckweiß angefertigt. In mehr als 200 Einzelteilen nimmt der Karton ein Ausmaß von acht Metern Länge und drei Metern Höhe ein. Die Wirkung der Figurenkomposition auf dem Karton ist gewaltig; meisterhaft ist die Harmonie und Ausgeglichenheit der im Grunde gegensätzlichen Teile. Man spürt bereits den herrlichen, großartigen Rhythmus der von dem fertigen Wandbild so eindrucksvoll zum Ausdruck kommt.

Die enorme Komposition konnte Raffael nicht mit eigener Hand fertig stellen, für die umfangreichen Arbeiten, die er zu bewältigen hatte,war er an die Mitarbeit von Gesellen angewiesen, die noch die Erfahrung der alten Werkstattlehren mitbrachten. So entstanden mit Hilfe des Kartons die Meisterwerke seiner Fresken.

In seinem großen Wandbild die "Schule von Athen"versetzt uns Raffael nicht in eine zufällige Versammlung von Philosophen, sondern in den Bereich der Antike, er macht uns mit den Geistesgrößen der griechischen Geschichte bekannt, bei der jede Figur individuell für sich eine bestimmte geistige Haltung zum Ausdruck bringt und zugleich ein Teil des größeren Ganzen ist. Raffaels Kunst idealisiert, es stellt keine Fragen, sät keinen Zweifel und erweckt keine Furcht, er schenkt uns Frieden und bietet uns die Schönheit des Lebens. Für ihn gibt es keinen Zwiespalt zwischen Körper und Seele, alle Gegensätze vereinigen sich zu einem harmonischen Ganzen. Sein Werk war das Ergebnis eines höchstentwickelten Könnens, er wußte sich den Bedürfnissen und Launen seiner päpstlichen Auftraggeber anzupassen und blieb dabei immer der Weise, der in seinen Bildern eine Versöhnung von Heidentum und Christentum vollzog.