Geschichtliche Einleitung

RAFFAEL - SELBSTBILDNIS Das Bild wurde von Federico Zuccari nach Rom in die Akademie von San Luca gebracht; von da erhielt es der Kardinal Leopold von Medici, und durch ihn kam es in die Uffizien.

Die verworrenen weltanschaulichen Begriffe die heute die Welt beherrschen werden von den meisten Menschen nicht verstanden; sie spüren das Nahen einer unbestimmten, rätselhaften Zeit, ohne deren Ursachen zu kennen.

Es fehlt die notwendige Erkenntnis, daß alles was uns durch Ereignisse und Veränderungen beeindruckt, Zeiterscheinungen sind im Werden der Welt. Kaum jemand stellt sich die grundlegende Frage nach dem Sinn der Zeitgeschichte. Unsere Vorstellung über die geschichtliche Zeiterscheinung ist vielschichtig und widersprüchlich. Wir sind es gewohnt, den Begriff geschichtlicher Entwicklung auf ein bestimmtes Bild von Europa zu richten - aber Europa ist keine natürliche Einheit, sondern das Ergebnis eines langen Werdeganges. Europa hat keine kulturelle Einheit, es ist nur der Knotenpunkt von verschiedenen Kulturströmen, die ihren Ausgang von den höheren Kulturen des Ostens nahmen.

Geschichte ist etwas rein Menschliches, der Mensch allein hat Geschichte und zwar so, daß erst seine Geschichtlichkeit ihn zum wahren Menschen macht. Wie alles Lebendige wächst auch die Geschichte in bestimmten Rhythmen und Perioden in Zeit und Raum. Jede Kulturepoche ist ein Problem der Zeit, alle Erscheinungen in der bildenden oder darstellenden Kunst, Melodik, Rhythmik usw. sind temporale Erscheinungen, zeitliche Erlebniswerte. Unser Jetztbewußtsein ist adäquateWahrnehmung des Zeitgeistobjekts.

So betrachtet wird die Geschichte zum Studienobjekt für eine erweiterte Selbsterkenntnis, zum Wissen von sich selbst. Dazu gehört das Forschen und Erkennen, es wird denkend ein Zusammenhang hergestellt, daher gehören Geschichtskunde und Philosophie zusammen. Was die Autobiographie für den Einzelnen, das ist die Philosophie der Geschichte für die Menschheit.

Geschichtskenntnisse sind kein sicheres Wissen für jedermann, sie vermitteln Erkenntnis nach dem Grad der persönlichen Vernunft. Bei den meisten Menschen bleiben die Geschichtskenntnisse im Bereich der "öffentlichen Meinung" und wirken im Zusammenleben eher trennend als verbindend. Weltereignisse vollziehen sich nicht wegen der zahlreichen Ideologien, sondern unter dem Zeichen kosmischer Veränderungen. Kaum jemand wird begreifen, daß sich die Weltbewegung in bestimmten Personen verkörpert. Geschichte verstehen heißt, die menschlichen Reaktionen studieren, die durch die Ideen herausragender Persönlichkeiten entstehen. Wer sich aus der Geschichte Rat und Erkenntnis holen möchte, muß im höchsten Sinne Menschenkenner sein. Es ist ein Unterschied zwischen Erfahren und Erkennen. Der Organismus eines reinen Geschichtsbildes wird angeschaut und innerlich erlebt.

Historiker betrachten die Geschichte wie einen fortlaufenden Strom von Geschehnissen, sie beschreiben die Dinge so wie sie die Sinne vermitteln, indem sie immer auf das Vorhergehende beziehen.

Es kommt aber in der geschichtlichen Entwicklung nicht allein auf das physikalische Grundgesetz von Ursache und Wirkung an, die Bedeutung liegt im realen Zusammenhang, wie man die repräsentativen Persönlichkeiten betrachtet. Die Worte Evolution, Entwicklung, Fortschritt oder Werdegang dienen in gleicher Weise zur Benennung von Vorgängen im Bereich des Naturgeschehens, wie auch für solche innerhalb des menschlichen Bewußtseins.

Leben, Wachsen und Zeiterscheinung sind unauflöslich miteinander verbunden, doch allein das menschliche Bewußtsein kann ihren überzeitlichen Zusammenhang zwischen Natur und Geschichte erkennen. In jeder Epoche äußert sich eine bestimmte Tendenz und der Fortschritt zeigt sich dadurch, wie sich in diesem Zeitraum der geistige Prozeß durch die leitenden Ideen vollzieht.

Fortschritt bedeutet nicht, daß sich von Epoche zu Epoche der Wohlstand immer mehr potenziert und eine Generation die andere vollkommen übertrifft; der Wert liegt in der moralischen Steigerung, in der unmittelbaren Beziehung zu Gott, nicht in dem was materiell erwirtschaftet wird.

Seit dem Jahre 1400 vollzog sich im Geistesleben Europas ein großer Umschwung, der den tiefsten Einschnitt zwischen der mittelalterlichen und neuzeitlichen Kultur darstellt. So verschieden die geistigen Bewegungen und Erscheinungen auch waren, etwas Gemeinsames lag ihnen zugrunde, ein Streben nach neuen allgemein gültigen Idealen. Es begann eine neue Zeit, in der sich göttliche Avatare immer wieder inkarnierten, um der Menschheit bei ihren nationalen und kulturellen Schwierigkeiten zu helfen. Sie erschienen in den Persönlichkeiten jener Männer und Frauen, die für Wahrheit, Humanismus und religiösen Fortschritt eintraten. Die geistige Hierarchie ist seit langen Zeiträumen bemüht, der Menschheit in ihrer Evolution zu helfen.

Bis zu Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts gingen von den Älteren Brüdern ständig magnetische Impulse aus, um die mentale Entwicklung zu fördern. Es ist eine geschichtliche Tatsache, daß Menschen oft durch eine Idee innerlich ergriffen und ermutigt werden, besondere Handlungen zu vollbringen. Die Inkarnationen der "Überbringer-Avatare" erscheinen immer in einer Zeitenwende, wenn die Menschen einen neuen Impuls brauchen, um eine höhere kulturelle Entwicklungsstufe zu erreichen. Markante Beispiele in der Geschichte sind die Inkarnationen von Buddha und Christus Jesus. Sie waren Avatare, göttliche Wesen in Menschengestalt und daher imstande, zwischen der Menschheit und  der Hierarchie eine Verbindung herzustellen, indem sie als Übermittler kosmischer Prinzipien fungierten.

Gott ist die Liebe

Sie waren "Brennpunkte" und brachten die göttlichen Ideen direkt aus dem Herzen Gottes zu den Menschen. Buddha, der Erleuchtete, zündete das Licht in der Welt an, er diente der menschlichen Seele als Weisheit. Christus, als die Vollendung geistigen Verstehens, überbrachte zum erstenmal in der Geschichte das Liebesprinzip der Gottheit. Bis zu dieser Zeit findet man in .den Heiligen Schriften der Welt kaum einen Hinweis, daß Gott die Liebe ist.

Erst nach dem Erscheinen des Avatars der Liebe drang der Gedanke, daß Liebe das Ziel der Schöpfung und das Grundprinzip des gegenseitigen Verbundenseins ist, allmählich in das Bewußtsein der Menschen. Die geschichtliche Entwicklung ist ein einheitlicher und geplanter Prozeß, der nicht nur die Liebesqualitäten im Menschen Schritt für Schritt zum Vorschein bringt, sondern anch in allen Weltphilosophien und in der Kunstentwicklung zum Zentralthema wird.

Seit diesen Tagen verdankt Europa seine Ausstrahlung und Spannkraft den Ideen einzelner Persönlichkeiten, die in einem Spannungszustand vieler Gegner und Gegensätze zum Ausdruck kommt. Die Tatsache, daß große Geister von ihren Zeitgenossen nicht anerkannt oder verstanden werden, darf uns nicht überraschen, denn ihre Ideen oder Leistungen sind immer zukunftsbezogen. Im 15. Jahrhundert verbreitete sich die Idee einer neuen Zeit, einer geschichtlichen Zeit, die nicht nur italienisch, sondern europäisch gekennzeichnet war.

Die Renaissance stellte sich schon mit ihrem Namen als neues Werden dar. Wenn man von Wiedergeburt, von Erwachen, von neuem Leben sprechen kann, dann scheint dies gerade in Italien im Bereich des Kulturellen am auffälligsten zu sein. In den unsicheren Jahren vor der Eroberung Konstantinopels durch die Türken, im Jahre 1453 und danach, gingen viele byzantinische Gelehrte nach Italien und brachten umfangreiche Handschriften griechischer Literatur mit, darunter auch die Werke Platons. So konnte in diesem Jahrhundert in Florenz eine bedeutende neuplatonische Schule entstehen.

Marsilio Ficino, ihr größter Vertreter, übersetzte das Gesamtwerk Platons und anderer Philosophen ins Lateinische und machte es so Europa bekannt. Die religiöse Toleranz, die Eintracht der Glaubensrichtungen, die von Kardinal Nikolaus von Kues so eindringlich herbeigesehnt wurde und in seiner großartigen Theorie zum Ausdruck kommt, wurde durch Marsilio Ficino zu einer christlich platonischen Synthese. So entstand in Italien der Begriff des Humanismus als letzte große Wiedergeburt eines neuen Denkstils. Das an menschlicher Größe so reiche 15. Jahrhundert war für das Leben und die Geschichte Italiens wahrhaft tragisch. Es wurde von Kriegen und Verschwörungen heimgesucht und erlebte den Verfall der Vermögen, den Untergang vieler Familien und die Zerstörung mancher Städte. Italien war zum Kampfplatz der europäischen Mächte geworden. Unter den christlichen Fürsten herrschte keine brüderliche Übereinstimmung, sondern die unerbittliche Rivalität im Kampf um die europäische Vorherrschaft.

Die positive Auswirkung der Renaissance-Kultur war nicht das Bewußtwerden eines glücklicheren Zeitalters im menschlichen Lebenslauf, sondern die Sicherung bestimmter religiöser Werte, wie der moralische Fortschritt gegen eine Wirklichkeit, die diese Werte verneinte. Die Lebensideale, die der italienische Humanismus mit so viel Leidenschaft gegen eine Welt bejahte, die sie ignorierte und zurückwies, konnte erst nach langen Kämpfen konkrete Ergebnisse in der Gesellschaft erzielen. Der Gedanke des Humanismus wurde zur Zeitforderung, zu einer Art Untertauchen in die Seelenbereiche antiker Kultur.

Nirgends vollzog sich diese Tendenz so eindrucksvoll wie in der bildenden Kunst. Die Heraushebung der künstlerischen Wiedergabe aus dem Allgemeinen und ihre Steigerung zum Individuellen, wo das Irdische verschwindet, konnte in der Renaissance nur durch die Vorbilder der griechischen  Kultur vollzogen werden. Diese Gegenüberstellung kommt am eindrucksvollsten in der kraftvollen Komposition Raffaels in seinem monumentalen Wandbild in der Stanza della Segnatura "Die Schule von Athen" zum Ausdruck. Es ist der berühmteste Ort, an dem er in Rom gemalt hat, der Mittelpunkt seiner Tätigkeit. Man bekommt den Eindruck, das Raffael nicht nur der größte Maler, sondern auch der am tiefsten in die seelischen Probleme des menschlichen Denkens eingedrungene Geist gewesen sei. Wer die Schule von Athen gesehen hat, wird empfinden, daß dieser Anblick eine Erfahrung wiedergibt, wie sie kein Buch vermitteln kann.

In sämtlichen Gestalten dieses Bildes ist der künstliche Aufbau der Geschichte der griechischen Philosophie zu sehen. In der durch die geistige Kultur der Griechen repräsentierten Vergangenheit, wurzeln die Ideen der Renaissance und ihre geistige Schöpferkraft.