Heraklit

HERAKLIT aus Ephesus lebte ca. 540 - 480 v.Chr. Raffael hat die Gestalt des berühmten Philosophen so in das Geschehen eingebunden, daß sein Bild in das Blickfeld des Betrachters kommt. Der große Denker, der auf der ersten Stufe der offenen Halle sitzt, den linken Ellbogen auf einem Marmorblock gestützt, in Gedanken versunken gerade etwas schreibt, trägt die Gesichtszüge des 35-jährigen Michelangelo.

Heraklit geht in seinem Denken vom Menschen aus, er selbst als denkendes Wesen und damit der Mensch überhaupt, wird Gegenstand des Nachdenkens: "ich erforsche mich selbst". Dieser Gedanke führt ihn auf das Grundelement des Geistigen Lebens, den LOGOS, die Vernunft, die zwar alle Menschen besitzen, doch die wenigsten sich ihrer zu bedienen wissen, so daß die meisten eine Art Traumleben führen oder bei ihren Urteilen und Handlungen sich von den subjektiven Eindrücken und Interessen leiten lassen.

Für ihn war die höchste Erkenntnis die man gewinnen kann, die Einsicht in die Verwandtschaft der menschlichen Vernunft mit der Weltvernunft, des Menschengeistes mit dem Gottesgeiste, der den ganzen Kosmos durchwaltet, diese von Ewigkeit her und in alle Ewigkeit fortbestehende Weltordnung.

Dieser Logos ist der Kern alles dessen was ist, er ist das Grundwesen aller Dinge. Im Menschen ist er die Kraft zur Erkenntnis, zu seiner geistigen und sittlichen Bildung und zur Regelung des Zusammenlebens. Dieses geistige Prinzip der Welt, das Heraklit im Wesen des FEUERS erkennt, ist an die materielle Struktur gebunden. Das Feuer, das sich in Luft, Wasser und Erde wandelt und auf dem umgekehrten Wege wieder zu sich selbst zurückkehrt, ist der Träger des Logos, die einheitliche Substanz aller noch so verschiedenartiger Dinge.

Der Gedanke von der Koexistenz gegensätzlicher Eigenschaften und Kräfte, die sich ständig einander ablösen, führte zu seinem großen Gesetz: "PANTA RHEI" - alles fließt. Daraus entwickelte er die drei Grundgedanken seiner Weltanschauung. Die Einheit alles Seienden, sein ewiger Wandel und die unverbrüchliche Gesetzmäßigkeit alles Geschehens. Die Welt ist eine Einheit, ein ewig lebendiger Prozeß des Werdens und Vergehens des vernunftbegabten Feuers. Über diese Einheit dürfen auch die unserer Wahrnehmung sichtbaren Gegensätze nicht hinwegtäuschen, die, nur scheinbar und relativ, in einern fortwährenden fließenden Übergang ineinander begriffen sind und die "Unsichtbare Harmonie der Welt" dem kurzsichtigen Blick des naiven Beobachters verhüllen, während das tiefer blickende Auge des Denkers ihre Auflösung im absoluten Geiste erkennt. Gott ist Tag und Nacht, Winter und Sommer, Krieg und Frieden, er wandelt sich wie das Feuer.

So verläuft alles Geschehen nach dem Gesetz der Entzweiung der Einheit und der Vereinigung des Entzweiten. Damit diese Gesetzmäßigkeit nicht überschritten wird, wachen im kosmischen Sinne, DIKE und die ERINNYEN als Hüterinnen des Naturgesetzes. Von der Höhe seiner Welt- und Gottesschau sieht Heraklit nicht nur auf die gedankenlose Masse, die wie Herdentiere kein höheres Ziel kennen, als in zweckloser Geschäftigkeit von Generation zu Generation dahinzuleben. Er beanstandete auch die Männer, die als geistige Führer galten. Überall, in der Literatur, Religion und Politik suchte er den unwahren und unechten Geist zu entlarven und den wahren und echten an seine Stelle zu setzen.

Seine Kritik wendet sich auch gegen die Verkehrtheit des epischen Weltbildes, wie es bei Homer und Hesiod zu finden ist. Er tadelte die Dichter, da sie nicht erkannten, daß Gegensätze ineinander übergehen und ihrem Wesen nach eins sind. Ein umfangreiches Wissen befähigt noch nicht dazu, in das Wesen der Dinge einzudringen. Vielwisserei verleiht noch keinen Geist, Kenntnisse führen noch nicht zur Erkenntnis, nur der Geist, kann sehen und hören, alles andere ist blind und taub.

Heraklit bleibt nicht bei der Kritik einzelner Männer stehen, als tiefer und ernster Denker fühlt er den weiten Abstand seiner Weltanschauung von der Religion seines Volkes, seines Logos vom Mythos der Dichter und den Formen der herkömmlichen Gottesverehrung. Seine Kritik trifft alle Formen religiöser Betätigung, er macht keinen Unterschied zwischen der Polisreligion, der Kathartik und den Mysterien. An was er Anstoß nahm war mehr die äußere Zeremonie sowie der Mangel an Tiefblick und echter Frömmigkeit beim Kultpersonal und den Mysten.

So umschließt der Ring der heraklitischen Philosophie das gesamte Sein. Sie ist ein lückenloses System des Pantheismus, das die ganze Welt in einer großartigen Gesamtschau erfaßt. Durchdrungen von einem einheitlichen, doch wandlungsfähigen Prinzip, das nach seiner materiellen Seite Feuer, Wärme, nach der geistigen Vernunft, Allintelligenz, Logos ist.

Heraklit war der erste, der die Erkenntnistheorie ins Leben gerufen hat und damit dem Subjektivismus und der grundsätzlichen Skepsis den Weg geebnet hat. Ein Münzbild aus Ephesos zeigt Heraklit mit einer Keule in der Hand als neuen geistigen Herakles, was besagt, daß er der mutige Befreier einer alten und der Verkünder einer neuen Weltanschauung war.

HERAKLIT inkarnierte wieder als MICHELANGELO BUONAROTTI (1475 -1564). Ein Aristokrat des Geistes. Zusammen mit LEONARDO und RAFFAEL hat er der Kunst eine Freiheit errungen, die alle Fesseln mittelalterlicher Typenhaftigkeit sprengte, um die spirituellen Kräfte in sinnlicher. Form der Welt unmittelbar sichtbar zu machen.