Plato und Aristoteles

PLATO und ARISTOTELES waren geniale Denker, ihr Erscheinen war eine Manifestation hierarchischer Kraft, Sie offenbarten neue Wahrheiten für eine notwendige Lebensveränderung. Für PLATO war der Gedanke eine Erinnerung an einen rein geistigen Zustand. Für ARISTOTELES war der Gedanke mehr ein Ergebnis des eigenen Denkens. PLATO erlebte in den Ideen noch die innere Welt als ein Hereinleuchten der Geistverbundenheit. ARISTOTELES erforschte die Naturgesätze der äußeren Welt als Physik und das Gedankenleben als Logik.

In der Dualität der beiden großen Philosophen zeigt sich das Ende der alten Mysterienweisheit und der Anfang einer neuen Wissenschaft, die aus dem Denken hervorgeht. Das Faszinierende im Mittelpunkt des Bildes ist der Eindruck der Zusammengehörigkeit des Denkerpaares, das auf der Höhe der Freitreppe, vor dem Hintergrund eines lichten Himmels uns entgegentritt und mit eindringlicher Kraft überallhin wirkt. In der Art der Verbindung der beiden Gestalten mit dem Boden, in den Gebärden, der Gewandung und des Ausdrucks ihrer Haltung, ist der Unterschied ihrer philosophische  Aufgaben eindeutig charakterisiert.

PLATO ist der auf das Kosmische gerichtete Geist. Für ihn ist alle Fülle des Sichtbaren ein leuchtendes Abbild seiner Gedankenwelt. Alle Begriffe reichen für Ihn über das Menschliche hinaus in das Ideenreich, in ein nur dem Gedanken zugängliches Sein. So malte Raffael den königlichen Denker mit zum Ideenreich weisenden Finger. Seine Füße und der spitz nach unten zulaufende Saum seines Mantels bilden eine ganz schmale Basis gegen die Erde hin, während der Körper sich nach oben breit entfaltet. PLATO war der Mensch, der mit dem Auge des geistigen Erkennens und mit göttlicher Kraft durch allen Schein hindurch zu einem unwandelbaren Kern der Dinge vordrang.

Daneben malt Raffael den großen Denker ARlSTOTELES, für den die sichtbare Welt in eine Fülle von Erscheinungen auseinanderstrebt, die zu begreifen und sie zu einer Einheit zu verbinden das Hauptziel all seines Forschens war. Dante sagte über ihn: "Er ist der Meister derer, die wissen". Ihn stellt Raffael mit beiden Füßen breit und fest auf dem Boden stehend und mit der Hand über die Fülle der Erscheinungen zeigend, dar.

Raffaels Bildgeschehen steht in der rein griechischen Umwelt, der große Personenkreis der links und rechts neben den beiden Zentralfiguren beginnt und sich über die breite Freitreppe herab ausbreitet, demonstriert in lebendiger Form das gesamte antike Wissen.

Diese Kulturperiode steht gleichsam unter dem Schutz Apollos und Minervas. Für die Griechen war Apollo der Gott der Weisheit, als solcher gab er durch die Pythia in Delphi das Orakel und verlieh den Sehern die Gabe der Weissagung. Minerva war die Pallas Athene, die jungfräuliche Stadtgöttin Athens. Auch sie war eine Göttin der Weisheit: Minerva = die Denkerin.

Nach der Lehre des Pythagoras liegen Maß und Zahl dem Weltganzen zugrunde. Dieses Prinzip zeigt uns Raffael in der Form einer sechseckigen planimetrischen Konstruktion. Die Architektur beruht auf den ewigen Wahrheiten der Geometrie, sie ist die objektivste aller Künste. Aus ihren Proportionen, Konstruktionen und Details konnte man die Welt mit neuen Augen betrachten, ohne gleich mit dem christlichen Geist in Konflikt zu geraten. Die zweckmäßige Geometrie des Halbbogens ist dem Auge angenehm, weil er die Vollkommenheit eines Kreises vermittelt.

Wenn man von den Göttergestalten Apollo und Minerva eine Linie zu den beiden unteren Ecken zieht und eine senkrechte Linie von oben nach unten zwischen den Mittelfiguren, dann bekommt man das geometrische Christussymbol oder die germanische All - Raune - Rune - die Wurzel die in den alten Märchen das Schloß der Erkenntnis öffnet. Die stummen Buchstaben der Form beginnen von ihrem geistigen Sinn zu sprechen, Vergangenes wird erhellt zur Prophetie über das Kommende. Jeder Buchstabe der alten Alphabete hatte seine philosophische Bedeutung.

Die Zahl "1" bedeutete bei den Eingeweihten einen stehenden Menschen. Nachdem man zur Eins einen Kopf hinzufügte, wurde er zur Paternität, zum Symbol der schöpferischen Kraft. In der Geometrie wird ein Punkt zu einer Linie, eine Linie zu einer Fläche und die Fläche zu einem Körper, die erste vollständige Figur ist das Dreieck. Das Sechseck bildet ein doppeltes Dreieck, symbolisch bedeutet die Berührung der beiden die Verschmelzung von Geist und Materie. Pythagoras lehrte den Zusammenhang und die Beziehung zwischen den Göttern und den Zahlen, er sagte, der geistige und physische Mensch ist die Zahl "3". Die Dreiheit ist nicht nur die Fläche des physischen Körpers, sondern stellt auch das Prinzip der Schöpfung dar. Die Wissenschaft der Zahlen kann sowohl nach der deduktiven Methode des Plato, als auch nach der induktiven Methode des Aristoteles studiert werden. Plato ging von der Einheit zur Vielheit, Aristoteles von der Vielheit der Einheit.