Raffael Santi

RAFFAEL SANTI lebte von 1483-1520. Nach. Giorgio Vasaris Lebensbeschreibung soll er am Karfreitag des Jahres 1483 in Urbino geboren und am Karfreitag 1520 in Rom gestorben sein. Mit elf Jahren wurde er Waise und man weiß nicht, welche Beziehungen auf seine künstlerische Ausbildung Einfluß nahmen. Evident ist auf alle Fälle, daß Perugino auf den jungen Raffael einen wesentlichen Einfluß ausgeübt hat. Die rasch erlangte Reife in seinem kurzen Leben zeigt sich in der neuen künstlerischen Ausdrucksform, im Gleichgewicht von Schönheit und meisterhafter Technik.

In der Vielfalt der Gliederung zwischen Bild und Architektur vollendete er die Zentralisierung des architektonischen und bildlichen Raums, indem er die großen offenen Lünetten unter den vorgetäuschten Bögen als weite Apsiden erklärt, die sich ins Unendliche ausdehnen, und wo sich die verschiedenen Personen in weiten Kompositionen mit souveräner Ungezwungenheit bewegen. Diese besondere Gabe verschmolz in seinen Bildern zu einer vollkommenen Einheit, so daß seine philosophischen Gedanken auf natürliche Weise zum Ausdruck kamen.

So konnte er dem Neuplatonismus der Renaissance eine tiefdurchdachte Bedeutung geben. Die wiedergewonnene Harmonie des Menschen mit der Natur, in der er lebt, und mit dem Schöpfer der alles in Bewegung hält, ist die malerische Projektion einer Philosophie des inneren Glaubens. Es ist eine Hinwendung zur Wiederauferstehung in Gott in einer heroischen Zeit, am Beginn des neuen Bildungsideals des Humanismus. Raffael war fünfundzwanzig Jahre alt, als er im Jahre 1508 in der Stanza della Segnatura zu malen begann. Der liebenswürdige junge Maler erwies sich schnell als ein überragender Gestalter, der die Bewunderung des in künstlerischen Fragen urteilsstarken Papstes gewann, so daß er den Auftrag erhielt, alle vier Räume ganz neu nach seinen eigenen Plänen mit Fresken zu schmücken. In ihm war alles vereinigt was wir als schön empfinden. In seiner Kunst gibt es keine Dissonanzen, alles was in der Natur hart und kantig ist, wird von ihm gemildert, weich abgerundet. Er hat das Feminine in der Kunst legitimiert und männlich gemacht, die große Demut, die unendliche Hingabe und heilige Liebe in den Bildern zum Ausdruck gebracht.

Es ist erstaunlich, wie rasch der junge Künstler aus Urbino in Rom zu höchsten Ehren kam. Keiner Protektion war es zu verdanken, daß er nach wenigen Jahren bereits wie ein Fürst im eigenen Palast wohnen konnte. Es gibt von ihm keine Tagebücher, keine Gedächtnisnotizen, kaum einen Briefwechsel, nie erschien sein Name im Zusammenharng anstoßerregenden Benehmens. Er führte gegen niemanden Prozesse und war jederzeit bereit seinen Freunden zu helfen. Es grenzt ans Wunderbare und charakterisiert diesen großen Menschen. Überschaut man alles, was er in der kurzen Zeitspanne schuf, so fühlt man, welche Ewigkeitswerke seine Kunst umschließt und was der Welt fehlen würde, wenn seine geheimnissvolle Erscheinung im Bilde der Renaissancekunst nicht dagewesen wäre. Bei einer anderen Geschichtsbetrachtung würde seine Bedeutung nicht zu ermessen sein. Viele Jahrhunderte dauerte es, bis griechische Dichtung und bildende Kunst sich wieder aufwärts bewegten und in Raffaels Gemälden das Höchste erreichten.

In seinen Werken fehlt jede persönliche Besonderheit, seine Persönlichkeit drängt sich nirgends vor, er scheint nicht zu denen zu gehören, die das Durchschnittliche des italienischen Nationalcharakters überragen, so ist er jedem nah und jedermanns Freund und Bruder: Er schuf eine Welt nach eigenem Vorbild, in der die Grundlagen eines ganzen Weltbildes enthalten sind. Aus diesem Grunde erweckte seine Bilder eine unwiderstehliche Hingabe. Ein Künstler, dem das Höchste darzustellen obliegt, kann alles in sein Werk hineinlegen, was in der Seele des Menschen an Gefühl und Gedanken verborgen liegt. Er erfüllte Aufgaben, deren geistige Prämissen uns einerseits sehr fern liegen, andererseits aber ganz nahe sind. Die Seele des modernen Menschen hat im Gebiet des Form-Schönen keinen höheren Herrn als ihn.

Es bedarf kaum vieler Worte, um aufzuzeigen, daß in den folgenden Jahrhunderten der Vorherrschaft der Naturwissenschaften, des technischen Fortschritts und der Mechanisierung der Kultur - die nur Augen und Verstandeskultur, aber keine Herzensbildung war - die spiritualistische Orientierung immer mehr in Vergessenheit geraten mußte. Heute steht diese materialistische Weltanschauung vor ihrem Ende, denn der äußere Zusammenbruch ist eine Folge innerer Veränderungen, die wir auf allen Gebieten des geistigen Lebens beobachten können. Das geheimnisvolle Gesetz des menschlichen Schicksals lenkt zu einer neuen geistigen Richtung. Das ewige Ringen zwischen Geist und Materie neigt sich dem Ende zu. Der Sieg des Geistes wird die Welt wieder in einem neuen Licht erstrahlen lassen.

RAFFAEL inkarnierte wieder als GUIDO RENI im Jahre 1575-1642 in Bologna. Sein Vater lebte in dieser Stadt als Gesangslehrer. Da Guido als Kind, statt Noten zu lernen wie es der Vater wünschte, heimlich zeichnete, hat ihn die Künstlerlegende mit dem Schäferknaben Giotto verglichen. Mit neun Jahren kam er in die Werkstatt des niederländischen Malers Calvaert, der um diese Zeit in Italien weilte, um den Stil der großen römischen Meister zu studieren. Er vereinigte die nordische Kunst mit der südlichen, seine Vorliebe für Albrecht Dürer ist bekannt. Dürers graphische Werke beeinflußten auch den jungen Reni durch die tiefe und naive Kraft der Empfindung und den unmittelbaren Ausdruck, im Gegensatz zu der Empfindungsleere im Stil der spielerischen Bewegung anderer Künstler. Ein neuer Begriff, den die Kunstgelehrten als Manierismus bezeichnen.
Als Dreizehnjähriger kam Guido in die Schule des Ludovico Carracci. Er verbrachte dort einige Lehrjahre, bevor er nach Rom übersiedelte, um zum berühmtesten Maler der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zu werden.

Unmittelbare Entlehnungen, wie man sie früher in der italienischen Kunst findet, wird man bei seinen Bildern vergeblich suchen. Seine Komposition und Technik beinhalten die Errungenschaften aller alten italienischen Schulen. Es ist das einzige Mal, daß ein Künstler bewußt auf das Erbe vergangener Zeiten zurückgreift, und dies in einer Zeit künstlerischer Gegensätze und Machtkärnpfe. Die klassische Darstellung verlangt die stoffliche Vollständigkeit im Bild,  jede Form wird gezwungen ihren Sinn herzugeben.

Dem weicht der beginnende Barockstil aus, das Interesse an der Form zieht sich zugunsten der bewegten Erscheinung zurück. Die Schönheit haftet nicht mehr an der faßbaren Klarheit, sondern an der unfaßbaren Bewegung. Reni soll einmal von einem Schüler gefragt worden sein, woher er den Adel seiner "Ideen" und die Schönheit im Ausdruck seiner Köpfe hernehme. Worauf der Meister auf einen Abguß der Niobe und Venus zeigte und sagte: "diese lehren es mich!" Bei ihm ist nichts von der zukünftigen barocken Kunst zu spüren und auch nichts von der künstlerischen Unruhe zu seiner Zeit.

So entstand sein berühmtes Deckenfresko der "AURORA" für das Casino Rospiglioso in Rom. Eine Szene des morgendlichen Auszuges des Sonnengottes, dem Aurora (EOS), mit Blumen in den Händen, in der über der Erde liegenden Dämmerung vorauseilt. Eine harmonische Komposition im bunten Kolorit, durchdrungen von einem warmen Goldton. Ein bemerkenswerter Hinweis, daß die Göttin der Morgenröte Licht und Liebe über die Erde verbreiten möge. Reni wurde zum künstlerischen Mittelpunkt seiner Heimatstadt Bologna, die durch diese Berühmtheit von vielen Kunstfreunden besucht wurde. Einige seiner Werke gehören wegen ihrer unberührten, idealen Schönheit zu den meist reproduzierten Bildern der Welt. In ihnen kommt die Ästhetik der Renaissance in ihrer harmonischen, wenig bewegten Farbwirkung voll zum Ausdruck.